Moorlosen Kirche

In Mittelsbüren können sie sehen, wie örtliche Besonderheiten den Deichbau und damit das Aussehen der Deiche beeinflussen. Das Dorf Mittelsbüren musste Anfang der 1960er Jahre der Stahlhütte weichen. Nur die beiden Gaststätten, die Kirche und die Schule blieben übrig. Heute bringt die Sturmflutgefahr die beiden ersten Häuser in Bedrängnis, da wenige Meter von ihnen entfernt hohe Spundwände stehen.

Im Dorf ist kein Platz für den Erdkörper eines über 7 m hohen Deichs, weder außerhalb noch innerhalb der Deichlinie.

Außerhalb: der Deichbau an der Weser steht auch unter den Vorgaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Der Deichbau darf außendeichs eine bestimmte Linie nicht überschreiten, damit das Amt bei einer künftigen Weserkorrektion Platz für seine Bauten hat.

Innerhalb: die Häuser liegen so dicht am Deich, dass der Verband sie für einen höheren Erddeich wohl abbrechen müsste. Der Sommergarten der nun einzigen Gaststätte, die ein beliebtes Ausflugsziel der Bremer ist, wäre ebenso verschwunden, wie die Obstgärten in Niederbüren. Der Verband entschloss sich deshalb in Mittelsbüren Stahlspundwände einzubauen. Sie sind so hoch, dass man nicht mehr auf die Weser sehen kann. Sicherheit vor Sturmfluten kann im Alltag mit zahlreichen, oft schweren Verzichten verbunden sein.

Beim Radeln auf den Deichen von der Autobahnbrücke über die Lesum bis zur Moorlosen Kirche konnten sie sehen, wie die Deich- und Wasserbauer sich immer wieder neuen, zum Teil von ihnen selbst ausgelösten Gegebenheiten anpassen mussten. Heute sind die Deichverbände wieder in Sorge. Weltweite Klimaveränderungen wirken sich auf die Wasserstände der Ozeane und der Nordsee aus.

Für den Deichverband und seine Mitglieder können Probleme durch den beobachteten Anstieg des Wasserstands in der Nordsee entstehen. An der deutschen Küste ist das mittlere Tidehochwasser in den letzten 25 Jahren schon um ca. 20 cm angestiegen. Dieser beschleunigte Anstieg hängt zum einen mit einer Senkung unserer Küsten zusammen, zum anderen mit einem Ansteigen des Meeresspiegels.

In Zukunft drohen neue Gefahren durch den so genannten Treibhauseffekt. Weltweit wird durch die Verbrennung von Öl, Kohle, Erdgas und Holz soviel Kohlendioxid produziert wie nie zuvor in der Geschichte unserer Erde. Dieses Kohlendioxid hält in der Atmosphäre die von der Erde rückgestrahlte Wärme fest.

Wissenschaftler sind sich über viele Einzelheiten noch nicht endgültig klar geworden, aber in einem sind fast alle einig: das Klima der Erde wird wärmer. Das Eis der Polargebiete kann abtauen, das Wasser in den Ozeanen sich ausdehnen und die Meeresspiegel steigen. Die Forscher diskutieren einen möglichen Temperaturanstieg von 1,4 bis 5,8 °C und einen möglichen Anstieg des Meeresspiegels von 9 bis 88 cm.

Auch der Deichverband macht sich Gedanken über die Auswirkungen des drohenden Klimawandels auf Wasserstände und Deichschutz in Bremen. Vielleicht sind die Deiche schon vor dem Jahr 2100 nicht mehr hoch genug. Bei den Berechnungen nach der Sturmflut 1962 ahnte noch niemand etwas von einer Verstärkung des Treibhauseffektes. Seitdem sind keine neuen Bestickhöhen festgesetzt worden.

  • Niederbürener Landstraße - Große Brake

Die Große Brake hinter Haus Nr. 10 ist beim Deichbruch von 1570 entstanden. Damals ging das alte Dorf Niederbüren bis auf ein Haus unter. Aus der riesigen Püttstelle, dem Doppelsee mit den geraden Ufern, ließ der Deichverband 1958/58 Kleierde baggern, als er den Weserdeich zwischen dem Lesumsperrwerk und der Moorlosen Kirche zum ersten Mal nach der Holland-Flut erhöhte.

Die Straße liegt NN + 5,50 m hoch, welches der alten Deichhöhe vor der Holland-Flut 1953 entspricht. Von der Straße erhebt sich eine kleine Verwallung zum Fuß der Spundwand. Die Verwallung ist das Ergebnis der Berechnungen, die dem Deutschen Küstenplan von 1955 zugrunde lagen. Sie verlangten eine Deichhöhe von NN + 6,70 m.

Die Spundwand ist die bislang letzte Erhöhung des Deichs auf NN + 7,50 m. Sie ist vom Lesumsperrwerk bis zur Moorlosen Kirche sechs Kilometer lang. Jede Spundbohle misst 5,50 m. Über zwei Drittel stecken unsichtbar im Deich.

Bei der Errechnung des neuen Deichbesticks (Festlegung von Deichhöhe und Deichneigung) nach der Katastrophe von 1962 bedachten die Fachleute

  • die Wasserstandserhöhungen durch die damals erst geplanten drei Sperrwerke an Lesum, Ochtum und Hunte, die bei Sturmflut hier bis zu 70 cm betragen können,
  • mögliche noch ungünstigere Windverhältnisse als 1962 und
  • den allgemeinen Anstieg der Wasserstände in der Nordsee, den man damals bis zum Jahre 2100 mit etwa 30 cm ansetzte.

Alles zusammen plus ein Sicherheitszuschlag für die Wellen ergaben auf dem rechten Weserufer für Bremen ein Deichbestick von NN + 7,50 m.

Die Deiche auf der rechten Weserseite sind höher als die auf der linken Seite. Die Deiche links der Weser liegen an der windabgekehrten Seite während die Deiche rechts der Weser hier den Wind aus Westen bekommen. Der Unterschied im Wasserstand beträgt manchmal über 30 cm, denn am Niederbürener Deich ist der Windstau besonders stark.

Nach allen Rechnungen liegt der Bemessungswasserstand für eine Sturmflut im Jahre 2100 für Vegesack bei NN + 6,42 m. Das heißt: einer solchen schweren Sturmflut werden die Deiche nach menschlichem Ermessen standhalten.

Die schwächste Stelle im Deichring um Bremen ist zurzeit die Kurve am Ortseingang Niederbüren beim Hof Niederbüren 9. Dieser Hof ist bei der Allerheiligenflut 1570 als einziger des gesamten Dorfes stehen geblieben. Das untergegangene Dorf lag im heutigen Deichvorland. Die Ecke beim Hof 9 ist heute eine schwache Stelle, weil die Weser nach den letzten Korrektionen nun unmittelbar am Deichfuß fließt und der Deich schar ist, wie die Deichbauer sagen, also abgeschnitten ist und kein Vorland besitzt.

Der Deichverband hat ihn mit starken Steinquadern befestigt. Doch bei Sturmfluten donnern die Wellen so gegen die Spundwand, dass alle, die das Donnern hören, sich fragen, wie lange der Deich hier wohl hält. Der Verband will ihn ein Stück ins Land zurückverlegen. Dazu braucht er Platz. Anfang 1990 hat er das Hofgrundstück nach mehrjährigen Verhandlungen gekauft. Deichbau muss also langfristig geplant werden.